Zum Abschied

Zum Abschied

Die Stimmung ist ein bisschen melancholisch. Das Wetter auch. Es ist Zeit, von Russland, von unserer dunkelhaarigen Kellnerin Marina,  die um unseren Tisch tanzte wie eine russische Primaballerina, Abschied zu nehmen. „Zupa?“, lockt sie ein letztes Mal.

„Njet, spassiba!“ Die  Fünf-Gang-Menüs zwei Mal täglich werden nicht ohne Spuren bleiben, vermuten wir.

Es ist auch Zeit, uns von unseren sehr sympathischen und ganz besonders humorvollen Tischgenossen Ruth und Werner aus dem Berner Oberland Abschied zu nehmen. Wir hatten solches Glück!

«Was hat euch auf dieser Reise am besten gefallen?», fragt die Bebbin beim letzten Cocktail in der Panoramabar, mit Blick auf sowjetische Industriebauten.

«Die Fahrt auf den Flüssen», antwortet der Meenzer wie aus der Kanone geschossen. «Die Städte? Ziemlich stressig.» Klar. 13 Millionen Einwohner gehen nicht unbemerkt an einem vorbei.

«Die Kirchen und ihre Altarwände; sie sind das wahre Herz Russlands.» Die Augen der Bebbi-Mama leuchten. «Diese Malereien! Und die Ikonen!» Stimmt. Wobei die Bebbin zeitweise vor lauter Ikonen die Altarwand nicht mehr sah.

«Und mir», sagt sie nach reiflichem Überlegen, «die Geschichten, die sich um die Städte und Bauten ranken. Wie Peter der Grosse seinen erwachsenen Sohn, der was anderes im Leben sehen wollte, zu Tode hat prügeln lassen. Wie nach dem Tod von Ivan dem Schrecklichen die Nanny des neunjährigen Dimitri diesen an Boris Godunow auslieferte. Und Dimitri sich beim Spielen wie zufällig selbst die Kehle aufschlitzte. Oder wie Puschkin sich wegen seiner sagenhaft schönen Frau Natalja duellierte und es mit nur 38 Jahren mit dem Leben bezahlte.»

Dimitri

Wir haben nur einen Bruchteil des Landes bereist, einen Bruchteil der russischen Seele kennengelernt. Die Erinnerungen aber könnten den ganzen Ladogasee füllen. Unsere Bilder könnten locker alle Altarwände Moskaus schmücken.

Zu nennen wären die gefühlten Millionen von Schleusen, die wir heil überstanden haben. Flüsse, breit wie Seen. Mitreissende und berührende Lieder an der Schaschlik-Party am Onega-See. Die Holzkirche von Kishi.

Die fein bemalten Matrjoschas und Eier aus Holz und die bunten Trachten.

Der Prinz und der Frosch in den Alexander-Gärten am Kreml.

Die exklusive Konditorei in Petersburg und die winzige in Moskau.

Petersburgs exclusivste Konditorei
Konditorei in Moskau

Das preisgekrönte Matrjoschka-Bild der Bebbi-Mama und der berühmte, extra aus der Schweiz eingeflogene Wolga-Chor mit seiner herzzerreissenden und jene des Meisters Rebroff weit übertreffenden Wiedergabe der „Moskauer Nächte„,  die aus technischen Gründen hier leider nicht verewigt werden kann…

Die bruchstückhaften Gespräche der Bebbi-Mama und der Bebbin mit gesprächswilligen Einheimischen. Aber die Freude in den Augen der Russen! «Sie sprechen ja Russisch!» Naja, wir wollen mal nicht übertreiben.

Das ist ein Geschenk der Herkunft. Bebbis Babuschka, die als Kind nach der Oktoberrevolution aus St. Petersburg kam und für sich und uns den Klang der russischen Sprache und den Geschmack der  russischen Speisen bewahrte.

Blinis

Die Speisen! Kohl in allen Variationen. Aber selbst die Bebbin muss zugeben. In diesen Variationen gar nicht schlecht. Der Kwas! Wer bitte würde gegärtes Brot trinken? Doch, doch, auch ganz erfrischend. Und nicht zu vergessen: der Wodka!

«Nur Alkoholiker trinken Wodka ohne Zakuski», haben wir Julias Warnung noch im Ohr. «Gurken, Brot, Hering, Oliven und … Kaviar. Oder einfach Erdnüsschen.»

In diesem Sinn: Wir trinken auf Euch, liebe Leserinnen und Leser, auf dass unser Reisebericht Euch gefallen hat und Ihr uns noch lange erhalten bleibt.

Trink solange du trinken kannst und nutze deine Tage.
Ob man auch im Jenseits trinken kann, ist eine offene Frage.

Za zdarowje!

Eure Bebbin und Meenzer

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