St. Petersburg – Wohnen früher und heute

St. Petersburg – Wohnen früher und heute

Trotz ureigener Kultur fühlte sich Russland doch immer wieder vom Westen angezogen. Und so zögerte man nicht lange, um den Prunk der französischen und preussischen Könige nachzuahmen. Ob pauschal oder anders: Zarskoje Selo, die Sommerresidenz der Zaren ist ein Muss. Deshalb finden wir uns, noch etwas unausgeschlafen, aber neugierig, in aller Frühe vor dem riesigen gusseisernen Tor der Residenz wieder.

Wir sind die Ersten, meint Tamara, unsere heutige Reiseleiterin. Die Ersten der 9-Uhr-Serie, wohlgemerkt. Tamara sieht aus wie eine Matrjoschka. Dezidiert watschelt sie uns durch halbleere Gänge und Räume voraus. Wir haben ungestörte Sicht auf lange Zimmerfluchten, holländische Kachelöfen, die bis zur Decke reichen, auf Wände, die aus aufeinander abgestimmten Bildern bestehen.

Und dann auf das weltberühmte Bernsteinzimmer! Die Bebbin, die nebenbei bemerkt kein grosser Fan von Bernstein ist, hat eine etwas vage und doch sehr bestimmte Vorstellung dieses Raumes. Statt Tapeten, statt einer Holztäfelung einfach Bernsteinplatten und die Sache ist erledigt, oder nicht?

Denn die Geschichte geht so: Peter, der inzwischen der Grosse geworden war und bei Friedrich dem ebenso Grossen in Preussen zu Besuch war, brachte Friedrich ein grosses Geschenk mit: die ersten Langen Kerle. Friedrich zögert nicht. Er hat für ein Zimmer Bernsteinplatten bestellt. Der Bernstein ist da, das Zimmer aber nicht. Also händigt er kurzerhand die kostbaren Teile an Peter als Gegengeschenk aus. Und da Platten am Ende doch zugeschnitten werden müssten, wurden sie gleich in Tausende von Plättchen zerschnitten und geschliffen und an den Wänden des Bernsteinzimmers wieder zusammengesetzt.

Die Geschichte hat nur einen kleinen Haken. Was Ihr noch nicht wissen könnt ist: Der originale Bernstein ist weg. Von der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zurückgeholt, sozusagen. Und bis heute gibt es immer wieder Leute, die behaupten, dass sie den wahren Bernstein beim Ur-Grossonkel im Keller gesehen haben…

Aber das macht nichts. Selbstverständlich hat Russland den touristischen Wert dieses Raums erkannt und Deutschlands schlechtes Gewissen schamlos ausgenutzt. Mit Hilfe des ehemaligen Feindes hat es das Zimmer im 2003 Stück für Stück mit viel Bernstein und Liebe restauriert, so dass der heutige Russe zumindest erkennen kann, wohin seine Steuergelder geflossen sind.

Wir wissen auch, wohn sein Einkommen fliesst. In Wodka? Nicht auszuschliessen. Aber mehr noch in Immobilien. Die meisten Wohnungen sind Eigenheim. Für den neckischen Preis von umgerechnet 1000 Euro / m2 kann man sich also irgendwo im 25 Stock, Wohnung 1352 mit Aussicht auf Sand und Stein kaufen. Einen kleinen Haken hat die Sache. Der durchschnittliche Russe verdient umgerechnet 900 Euro / Monat. Und da ein Teil des Geldes ja in den Wodka fliesst, dauert es seine Zeit…

Besser hatte es der russische Grossvater nach der Wende. Er konnte gleich in seiner wohl nicht so prunkvollen Wohnung sitzen bleiben und gegen ein kleines Entgelt sein Eigen nennen. So einfach war Privatisierung früher.

Es ist ja nett, Wohnung 1352 zu besitzen. Doch wohin mit dem Auto? Denn wie Tamara unsere lebende Matrjoschka versichert, besitzt jede Familie ein bis zwei Autos – falls Wodka und Wohnung es finanziell zulassen, natürlich. Doch verdichtetes Bauen bedeutet nicht ohne Weiteres auch verdichtetes Parken. Das Resultat? Für 500 Wohnungen gibt es gerade mal 50 Parkplätze. Draussen. Irgendwo im neuen Stadtteil. Oder irgendwo anders. Doch Russen sind erfinderisch. Sie mieten sich einfach Garagen. Die stehen in langen niedrigen Reihen irgendwo auf einer unbebauten Fläche. Wie der Hausherr zu seinem Auto gelangt? Tamara bleibt uns die Antwort schuldig. Die Bebbinnen und der Meenzer vermuten. Mit dem ÖV …

Doch unsere Petersburger Tage neigen sich dem Ende zu. Auf zu neuen Ufern! Den Abschied feiern wir mit einer kleinen Kanalrundfahrt, bei der wir uns von einem Museums-Marathon – zusammen mit gefühlten Millionen Chinesen und Japanern – in der Eremitage erholen können.

 

Abschied von St. Petersburg

 

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