Ein Abstecher nach Karelien

Ein Abstecher nach Karelien

Ihr könntet meinen, in St. Petersburg seien wir doch schon recht im Norden gewesen. Nördlicher als Hamburg zum Beispiel. Doch es geht nördlicher, und dazu man muss weder eine Pelzmütze am Markt erwerben, noch sich in einen langen fuchsigen Bojarenmantel hüllen. Es geht ganz gut auch mit der Schirmmütze aus dem Souvenirladen „I love St. Petersburg!“ und in einem T-Shirt aus demselben Laden, auf dem ein axtschwingender Bär prangt.

In Karelien gibt es auch echte Bären, Füchse und sogar Schlangen. Und auch den einen oder anderen pelzigen Gast. Wie Letztere den karelischen Winter überleben und wie lange sie brauchen, um wieder aufzutauen, ist uns nicht bekannt. Genauso wenig, wie es die Fische schaffen, von November bis Mai unter der Eisdecke zu überwintern.

Die Bauern aber haben bis heute überlebt. Ohne Buchweizen, ohne Zwiebeln. Der Trick? Der See gab alles her, was ein Karelier brauchte, sofern er sich nicht vegan ernähren wollte. Fisch. Ganz viel Fisch. Und hie und da einen Bären Und gegen die bissigen Temperaturen haben sie ein Chalet gebaut. Was unsere Bergbauern können, das können die Karelier auch schon lange.

Auch ein karelisches Dorf braucht seine Kirche und schon stöhnt die Bebbin. Noch mehr Zwiebeln? Aber liebe Leserin, lieber Leser, jetzt kommt die Überraschung, das absolute Highlight der Reise.

Wir folgen der Nummer 4 über den Landesteg durch ein Birkenwäldchen. Neben uns plätschert der grösste Binnensee Europas im Schilf. Nebel wabert über das Waser, um ein paar Hütten in der Ferne. Die Sonne hat sich ein Kopftuch angelegt.

Auf einmal lichtet sich der Nebel, lüftet die Insel Kishi ihren Schleier und da steht sie. Die Holzkirche von Kishi. 22 Zwiebeltürmchen schimmern silbrig im Morgenlicht, Holzschnitzereien schmücken die holzigen Wände. Alles von Hand gemacht und manchmal unter erheblichen Verlusten.

Dachschindeln werden per Axt in 7 Min. gemacht

Für einmal drängelt keiner mehr. Es herrscht Ruhe und nur das leise Knipsen der Fotoapparate durchbricht die Stille. Die Reise hat sich gelohnt. Nicht nur wegen der Männer, die für uns ein geistliches Lied singen, so wie nur die russischen Männer es können.

Und zum Abschluss dieses Ausflugs spielt uns Anton, unser junge Reiseführer ein Glöckchenlied auf seiner russischen Zither.

Es gibt ein Gerücht, das sich sogar im Reiseführer wiederfindet: Die Holzkirche sei ganz ohne Nägel gebaut worden. Stimmt nicht. Anton hebt eine Schindel hoch. Das Loch ist klar ersichtlich. Nur waren die Nägel aus … Holz!

3 Gedanken zu „Ein Abstecher nach Karelien

  1. Liebe Carine,

    mit Genuss lese ich jeden Beitrag! Es ist echt toll so an Eurer Reise teilnehmen zu können und Interessantes aus besonderen Blickwinkeln betrachten zu können.

    Danke!

  2. Wundervoll und so schön geschrieben! ( ich mag die Sonne mit Kopftuch 😉 ) Gute Reise Euch, Inspiration und Lichtblicke ! Viele Grüße, Maria & Armin

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