Bordleben

Bordleben

Wie Ihr euch erinnert, wollte die Bebbin vor ihrem 80. Lebensjahr keinen Fuss auf ein Flussschiff setzen. Sie sah sich schon das Durchschnittsalter um gut 20 Jahre senken, stellte sich vor wie die Nachtruhe um 22 Uhr begann und die Early Birds bereits um 6 zum Frühstück erschienen. Sie erwartete eine Abendunterhaltung mit Schnulzen aus den 70er Jahren. Der Meenzer seinerseits befürchtete, die Zeiten zwischen den Zeiten in einer viel zu engen Kabine verbringen zu müssen. „Gibt es da aber auch einen Aufenthaltsraum?“, fragte er vor der Reise mit banger Stimme.

Die Bebbin zuckte mit den Schultern. Zwei Schiffsreisen auf hoher See machten sie noch nicht zur Fluss-Schiffsreisen-Expertin.

Aber wie das mit den Vorurteilen ist. Sie stellen sich gerne als falsch heraus.

Die Kabine ist selbst für den grossgewachsenen Meenzer gross genug und einen Aufenthaltsraum gibt es auch.

Was es aber auch noch gibt. Konzerte unseres Musikerpaars Viktoria und Michail.

Russisch-Stunden; und hier wird endlich eine letzte Unklarheit beseitigt. Es heisst sa sdarowje und nicht na sdarowje, wie viele Ausländer und nicht wenige Russen glauben.

Weiter gibt es einen freiwilligen Wolga-Chor, aus Gästen bestehend, einen Mal-Wettbewerb für all jene, die vielleicht keine sichere Stimme, dafür eine sichere Hand haben und den Entwurf für eine eigene Matrjoschka wagen wollen. So wie die Bebbi-Mama, die aus unserer Sicht den Wettbewerb ohnehin bereits gewonnen hat …

Die Bebbin und der Meenzer wagen es. Sie treten dem Wolga-Chor bei und erfahren zu spät. Am Captain‘s Dinner tritt der Chor auf. Fünf alte Volkslieder. Auf Russisch natürlich … Aber mit ein paar Gläser Wodka sollte das klappen.

Inzwischen haben wir über den Weissen See und den Rybinsker Stausee den Fluss aller Flüsse erreicht. Die Wolga. Und er enttäuscht uns nicht. Durch gefühlte Millionen von Schleusen schiffbar gemacht, wird er heute heftig genutzt. All paar Stunden ein Schiff, mindestens.

Und wie schon an Väterchen Rhein stehen auch an Mütterchen Wolga die eine oder die andere Kirche oder Stadt. So auch Jaroslawl, die älteste Stadt an der Wolga, 100 Jahre älter als Moskau und stolz darauf! Der Legende nach sollte der Gründer der Stadt, Fürst Jaroslaw, beseitigt werden. Seine Feinde schickten einen Bären vor. Aber Jaroslaw war ein mutiger Mann. Er stellte sich dem Bären und erschlug ihn mit der Axt. Und damit war das Schicksal seiner Feinde besiegelt.

Ikonenwand in der Kirche

Um das zu feiern, gibt es am späten Nachmittag eine kleine Wodka-Probe. Fünf Gläser später torkeln die Bebbin und der Meenzer mit einem kleinen Trinkspruch auf den Lippen in den Speisesaal hinein:

„Es kam der Mann betrunken nach Hause. Am nächsten Morgen entschuldigt er sich bei seiner Frau. „Bitte Mütterchen, es tut mir leid, dass ich gestern betrunken und mit einem blauen Auge nach Hause gekommen bin.“

„Das blaue Auge hattest du gestern noch nicht“, erwiderte sie.

Selbst auf einem Flussschiff hat das Bordleben seine guten Seiten.

Ein Gedanke zu „Bordleben

  1. Es würde mich sehr freuen, wenn die Bebbi–Mama am Captain‘s Dinner anstelle eines Fotos ihre Kamera auf Video stellen könnte. Ich würde im Anschluss versuchen zu erraten, wieviel Vodka die Bebbin und ihren Meenzer intus haben, um noch gerade stehend und mit klarer Stimme singen zu können…ausser die Bebbi–Mama hat schon vorgängig mit dem Captain eine Vodkaflasche geteilt, dann würde es natürlich nicht klappen. Ich hätte Verständnis dafür ;–))

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