Stop and Slow

Stop and Slow

Autofahren in Kanada? Aus der Sicht des Drivers

Die Schwierigkeiten fangen schon am Flughafen an. Wir stehen an der Theke der Autovermittlung. “Dogde oder Toyota Corolla?“, fragt die hübsche junge Dame.

Mir war sofort klar: Dodge natürlich. Sieben Plätze, hoch auf Rädern, da hat man was – fürs gleiche Geld! Aber da ist noch die Bebbin.

„Was sollen wir zu zweit mit sieben Plätzen?“, mault sie. „Und wieviel Benzin verbraucht das Teil?“

Ich entscheide mich für den Corolla. Handlich, leicht zu parken, besonders wenn der Parkplatz die Ausmasse eines Dodge hat. Gute Sache.

An der ersten Kreuzung suche ich verzweifelt mit einem Auge die Ampel, während ich mit dem anderen die Schilder lese und gleichzeitig dem englischen Gebabbel des Navis zu folgen suche. Die Ampel steht nicht da, wo sie sein sollte, nämlich so, dass ich mir wie von zuhause gewohnt den Hals verrenken müsste. Nein. Sie leuchtet mir von der andere Seite der Kreuzung freundlich grün entgegen.

„Fahr schon“, ertönt es auch gleich aus dem Co-Piloten-Sitz, aber ich weiss selber, was zu tun ist!

Wir fahren gemütlich nach Halifax hinein. Da! 3 WAY STOP, heisst es an einer hundsgewöhnlichen Kreuzung. Was um alles in der Welt soll das bedeuten? Irgendeiner hat die Vorfahrt, glaube ich mich zu erinnern. Ich blicke mich um, warte in höflicher deutsch-schweizerischer Manier und die anderen in höflicher kanadischer Manier. Ich war nämlich zuerst da und darf zuerst fahren. Ich treffe eine klare Entscheidung: Ab sofort bin ich immer der Erste.

Aber das war nur der Anfang.

Am nächsten Tag fällt mir ein. Mit oder ohne Taglicht fahren? Langsam dämmert mir die Erkenntnis: Ich hätte die Strassenverkehrsordnung von Nova Scotia genauer studieren sollen. Nun studiere ich eben das Fahrverhalten der wenigen vorhandenen Verkehrsteilnehmer und komme zum untrüglichen Schluss: Taglicht!

Das Gute an der neuschottischen Strassenverkehrsordnung sind die völlig entspannten Geschwindigkeitsbeschränkungen. 100 auf der einen Highway, 80 auf der anderen Highway, dort auch mal 70 und innerorts 50. Letzteres kenne ich von zuhause. Nur: Wann was gilt, das weiss man nie so genau. Sind diese drei Häuser hinter den Tannen schon innerorts? Ich traue der Sache nicht und fahre defensiv. Sicher ist sicher.

Und dann die Strassenschilder! Die Kanadier denken offenbar weit voraus. Sally’s Point, links, 3 km. Denkt nicht, dass man nun gleich links abbiegen soll oder erst nach drei Kilometern. Nein, man muss erkennen, dass es sich nicht um die Einfahrt zu einem netten Häuschen mit nettem Spielzeug-Leuchtturm im Garten und auch nicht die grosse Kreuzung nach der Kuppe handelt. Nein, es ist diese unscheinbare Nebenstrasse Nr. 342. Eine gute Sache diese Nummerierung, ausser dass sie unvermittelt ändern kann und plötzlich ist es die Strasse Nr. 311 und die Bebbin muss das Navi unterstützen.

Kanada ist sehr bestrebt, jedem Bürger zu einer Beschäftigung zu verhelfen. Was gibt es Besseres als Baustellen? Bei uns würde ein Wagen mit blinkenden Pfeilen stehen oder was Effizientes in der Art. Aber hier steht vor jeder Baustelle ein Mensch mit Schild: Stopp – Slow. Die sprachorientierte Co-Pilotin muss das natürlich gleich kommentieren:

„Nicht Stop and Go, sondern Stop and Slow? Was ist langsamer als der Stillstand?“

Zum Glück wird sie wieder von was abgelenkt, zückt die Kamera und blitzt unseren Vordermann, einen fetten Dodge Jeep ab.

„Na bravo, das hat er sicher gesehen!“ Aber die Bebbin lässt das kalt.

„Das Nummernschild ist cool!“

Unseres auch. GEZ 685. Kein Deutscher würde mit einem solchen Nummernschild herumfahren wollen. Oder würde ein Schweizer auf seinem Schild das Wort „Billag“ drauf haben wollen? Ich trage es mit Fassung.

Was ich auch mit Fassung trage, sind die Strassen. Die Löcher, die Flickereien, selbst auf dem Highway und die Kurven. Mann ist das anstrengend, so tagein, tagaus. Wer von Euch hat schon eine Autobahn mit Gegenverkehr gesehen?

Eine ganz schöne Herausforderung, mich und die Bebbin jeden Abend in ein sicheres Cottage zu bringen, wollt‘ ich schon mal sagen.

Ein Gedanke zu „Stop and Slow

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