Isländische Bescheidenheit

Isländische Bescheidenheit

Unsere Reise nähert sich dem Ende zu. Nichts kann uns mehr überraschen, denkt Ihr. Weit gefehlt.

Auf dem Programm die beste Mineralwasserquelle von ganz Island. Vor unserem geistigen Auge sehen wir sie schon: Mitten in einem modernen Produktions-Container die sprudelnde Quelle, ein Fliessband mit Dutzenden von Flaschen, auf denen das Wort Ölkelda weiss auf grün prangt. Vor dem Container eine Reihe von Lastwagen, die das kostbare Gut in ganz Island verteilen.  Nur eine Frage hängt in der belebenden Morgenluft: Der Name ist uns bis heute weder bei Netto noch bei Bonus aufgefallen.

Kunststück: Mitten in einer Wiese ein rostiger Flecken und ein ebenso rostiger Wasserhahn. Wir dürfen daraus Wasser zapfen. Eine Flasche? Ein Kanister voll? Egal, das kostet alles nur 200 Kronen.

Der Meenzer weigert sich, aber die Bebbin probiert mal eine Handvoll. Das rostige Wasser prickelt im Mund, schmeckt – oh Wunder – nach Eisen und … salzig. Ein Glück, dass wir das gute Mineralwasser mit Zitronengeschmack nicht ausgeschüttet hatten, um es durch dieses zu ersetzen!

Aus Mitleid spenden wir die 200 Kronen und sind weg Richtung Hraunfossar und Brunafoss. Die Strasse schlängelt sich durch die Ebene, links erheben sich die Lavaberge in der Ferne, rechts erahnt man noch das Meer mit seinen Klippen, seinen Vögeln, Robben und Walen. Die Ebene dehnt sich endlos, Weiden, Schafe, Pferde, rosa, grüne und weiße Heuballen. Eine gewisse Langeweile macht sich breit.

Plötzlich, dort vorne: Die Erde qualmt! Der erfahrene Leser, die aufmerksame Leserin horcht auf: Ein untrügliches Zeichen. Wir steuern im Eiltempo auf die Dunstfahne zu, reissen einen Vollstopp vor ein paar verirrten Touristen, springen aus dem Wagen, die Kamera gezückt.

Der Fels trieft und spuckt, dampft und blubbert und ergiesst seinen kochenden Inhalt in einen See. Baden? Nicht sehr empfohlen. Wir lassen uns vor lauter Begeisterung zu einem Filmchen hinreißen. Der Ort hat Potenzial und das haben selbst die Isländer erkannt. Das Touristencenter ist bereits im Bau: eine sandige Mulde, zwei Bagger und wir. Bald wird dieser Insidertip, der in keinem Führer erwähnt wird, von Millionen von Touristen überrannt werden. Wir aber haben ihn noch in seiner ganzen hitzigen Einfachheit erlebt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.