Ein nasser Tag

Ein nasser Tag

 

Liebe Leserin, lieber Leser

Planung ist die halbe Miete, meint die Bebbin. Doch wie sich noch heraustellen sollte, war das höchsten ein Viertel Miete, um nicht zu sagen, ein Bruchteil davon.

Wir verlassen St. Ursanne Doubs-abwärts Richtung Les Brenets. Dort erwartet uns eine kleine Schifffahrt zum berühmten Saut-du-Doubs, welche die Bebbin vor gut dreissig Jahren schon mal unternommen hatte. Dachte sie.

Die erste Überraschung: Ganz ohne Vorwarnung führt uns das Navi über Frankreich. Ohne Rücksicht auf mögliche COVID-Beschränkungen. Wir quälen unseren Clio einen Pass hinauf, durchqueren dunkle Wälder, überfahren fast einen Fasan. Eichhörnchen testen hie und da unseren Bremsweg im Nieselregen. Der Meenzer sieht uns schon in Quarantäne mitten im jurassischen Nirgendwo. Doch Glück gehabt. Kein Zöllner weit und breit und nach 1 1/2 Stunden können wir das Schiff besteigen.

Die zweite Überraschung. Der Doubs ist hier ein See. So still, dass er in harten Wintern – als der Begriff Klimawandel noch keiner war- zu einer 7 km langen Schlittschuhbahn gefriert, auf der die Bürger der Grande Nation und der weniger grossen einträchtig ihre Spuren ziehen.

 

Die dritte Überraschung: Der See findet ein abruptes Ende vor einem französischen und einem Schweizer Restaurant, aber vom Wasserfall keine Spur. Nicht einmal akustisch.

Die Bebbin ist perplex, der Meenzer ratlos und die Stimmung sinkt. Also folgen wir wie Schafe den fünf Nasen, die mit auf dem Schiff waren. Zehn Minuten später blicken wir von oben auf ein mickriges Wasserfällchen, das sich 24 Meter in die Tiefe stürzt.

Der Grund für dieses Nichts? Der Doubs liegt ganze drei Meter unter seinem üblichen Pegel und selbst die Energie für einen ordentlichen Fall scheint ihm abhanden gekommen zu sein.

Wir sind uns einig. Unsere Planung lässt zu wünschen übrig. Wir kommen einige Monate oder gar Jahre zu spät. 

Auf der Rückfahrt heitert uns der Kapitän jedoch mit Geschichten von bedauernswerten deutschen Prinzen und Schweizer Gesandten, die für ihre Treffen keinen besseren Ort als eine Höhle am Ufer des Doubs fanden; 

von Bären, die aufrecht stehend 3.5 Meter gross waren; und mit Geschichten von Pfarrern, die sich aus 15 Metern Höhe ins Wasser stürzten, um Geld für ihre Kirchgemeinde zu sammeln – ein Crowd-Funding der besonderen Art.

Wir aber stürzen uns nur ins Auto, um das nächste Ziel anzupeilen. Schon mal von den unterirdischen Mühlen am Col des Roches gehört? Wir auch nicht. Aber das wird zum feucht-kalten, treppenstufenreichen Highlight des Tages.

Felswände. An ihrem Fuss ein schwaches Flüsschen. Daneben ein noch schwächerer Rinnsal. Morast rechts und links. Kurz: Kein Ort für Visionen. Aber wir sind nur zu pessimistisch. Denn im 19. Jahrhundert hatte ein Mann tatsächlich eine visionäre Idee. Nein, kein Rückzugsort für gestresste Bauern. Auch keine erste Gotthard-Röhre. Was wirklich Bahnbrechendes:  Getreidemühlen. Unterirdisch. Ihr glaubt es kaum, aber der Mann verwandelte die Höhlen, die das Flüsschen nebenbei gegraben hatte, in eine Fabrik. Mühlen auf drei verschiedenen Untergeschossen. Wasserräder, vier Meter gross. Gänge, feucht und eng.  Und ein Sägewerk inmitten tropfender Decken. Ein idealer Arbeitsort…

Verrückt. Dann kam der Strom und spülte die Mühlen ins Aus. Ihr Pech, unser Glück, denn so seid Ihr doch zu einer Geschichte gekommen.

Eure Bebbin und Meenzer

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