Burgliebe – Burgleben fast ums Eck

Burgliebe – Burgleben fast ums Eck

Wie der geneigte Leser weiss: Ich liebe Leuchttürme. Und: Eine Burg ist kein Leuchtturm. Und doch, wenn in dunkler Winternacht der einzige noch intakte Turm oben auf dem Hügel aus dem Wald herausragt und der einzige Scheinwerfer dein Burgzimmer wie ein Fussballstadion erleuchtet: Dann wird deine Burg zum Leuchtturm und der Wald zum Meer.

Dieser Burgleuchtturm hier heisst Liebenstein und blickt wie die Loreley auf das enge Rheintal hinunter, wo ein Kreuzfahrtschiff das andere jagt und die Containerschiffe wie Lastwagen auf deutschen Autobahnen einander im Schneckentempo zu überholen versuchen. Aber nur rheinabwärts, versteht sich.

Die Burg Liebenstein hat noch andere spannende Ausblicke: Auf die Bahnstrecken dies- und jenseits des Rheins, die Strasse, und die nette Ortschaft Bad Salzig, die nachts aussieht, als wären die Sterne vom Himmel ins Waldmeer  gefallen.

In Sichtweite, auf dem nächsten Adlerfelsen sitzt noch eine Burg. Die Burg Sterrenberg. Und natürlich gibt es da eine Legende, die geht so: Es waren mal zwei Brüder, Heinrich und Konrad und beide liebten Hildegard. Konrad durfte Hildegard heiraten. Aber dann kam Heinrich auf die glorreiche Idee, ins Heilige Land zu ziehen und liess seine Burgfrau alleine in der zugigen Sterrenberg sitzen. So zog die Hildegard, die sich vor den Burgdohlen, Piraten und dem Durchzug fürchtete, zum Schwager Heinrich. Aber der Schwager, ob aus Bruderliebe oder anderen nicht nachvollziehbaren  Gründen, wollte die Gelegenheit partout nicht ergreifen. Bis der Ehemann zurückkam. In Begleitung. Der Strolch hatte sich eine schöne Griechin angelacht. Da kannte Heinrich nichts mehr und forderte den treulosen Bruder zum Duell auf. Hildegard warf sich zwischen die Brüder. Sie sollten Frieden schliessen und sie würde ins Kloster gehen. Zum Leidwesen aller Beteiligten machte sie ihre Drohung wahr. Sie ging ins Kloster, die Brüder versöhnten sich, der treulose Ehemann wurde daraufhin von seiner Griechin verlassen – geschah ihm recht – und Heinrich, der unglücklich Liebende, wurde Mönch. Die Legende fand einen tröstlichen Abschluss: Er und Hildegard starben am gleichen Tag und wenn sie im Himmel nicht gestorben sind, dann leben sie dort noch heute.

Doch Liebenstein hat nicht nur alte Gemäuer, alte Geschichten und Aussichten diesseits und jenseits des Rheins zu bieten. Man kann sich dort auch kulinarisch verwöhnen lassen, was vor einer Nacht im burggerecht unterkühlten Burg-Schlafzimmer nicht von Nachteil ist. Eine gute Flasche Riesling, trocken wie Traubensaft, ein fünfgängiges Menü, das einer ganzen Ritterfamilie zur Ehre gereicht hätte; dies in einem Speisesaal, der vor Schwertern und gespenstischer Rüstungen nur so strotzt. Ein Augen- und sonstiger Schmaus! Und für alle künftigen Burgdamen nicht unwichtig: den fröhlichsten und höllischsten Holzofen aller Burgzeiten. Da bleibt kein Herz kalt.

Diese Wärme – und besonders die Erinnerung daran – die ist nicht zu verachten, denn o Schreck: Der nächste Morgen erwischt und kalt und weiss: Schnee? Nee … Gibt’s doch gar nicht! Grundsätzlich. Die Ausnahme bestätigt natürlich die Regel: Schnee gibt’s in diesem Rheinland nämlich immer dann, wenn ich dort bin. Und damit das Feeling auch richtig stimmt:

Der Frühstücksraum, reich gedeckt und mit bester Sicht auf Sterrenberg und Rhein vermittelt ein unverfälschtes Einfühlen in das winterliche Burgleben: Ein Frühstück im Freien hätte uns kaum weniger aufgetaut. Dafür entschädigen aber der herzliche Empfang, die Offenheit des Burgherrn und eines Dienstfräuleins und der warme Tee.

Vielleicht zieht es uns wieder mal an die fernen Ufer unseres Heimatstroms und zur anderen Bruderburg – zum Ausgleich, damit Hildegard im Himmel ruhig schlafen kann. Wer weiss?

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