Abschied

Abschied

Der letzte ganze Tag bricht an. Wolken verhüllen die Berge. Geplant wäre ein letzter Foss, der Gylmur, am Ende des Walfjords, unweit von Reykjavik. Aber die Angaben im Reiseführer sind verwirrend. Das Internet klärt uns schlagartig auf.

„Die Wanderung zum Gylmur war der krönende Abschluss unserer zweiwöchigen Reise“, schreibt ein Reisender vielversprechend. Aha! Wir sind gespannt. „Auf dem Weg zum Foss durchquerten wir zuerst eine Höhle, überquerten dann einen Fluss auf einem Baumstamm, und an den steilen Stellen waren Kabel angebracht, an denen man sich festhalten konnte. Ein unvergessliches Erlebnis!“

Baumstamm? Kabel? Erlebnis? Unser Leben ist uns teuer. Der Foss ist gestrichen. Die verlassene Walfängerstation auch. Wir lassen das Reiseprogramm sein, sind ganz spontan und das mit Erfolg. Nach zwei Wochen Reise hat sich die Vermutung verdichtet: Der Reiseveranstalter könnte reiseerfahrene, kompetente Mitarbeiter gebrauchen. Wir wären gegen ein kleines Entgelt bereit, ihm unter die Arme zu greifen.

Ein tiefer, langer Tunnel führt uns unter einem Meeresarm dorthin, wo unsere Reise begonnen hatte, in den Thingvellir-Nationalpark. Ihr erinnert Euch: Dort, wo die eurasische und die amerikanische Kontinentalplatten langsam, aber sicher auseinanderdriften.

Die Kluft ist sieben Kilometer breit und reicht in dunkle Tiefen. Dort wimmelt es von Tauchern und Schnorchlern. Wer kann schon von sich sagen, dass er in der Spalte zwischen den beiden Kontinenten tauchen durfte? Wir nicht!

Festen Boden unter den Füssen, begnügen wir uns, die Flugkünste einer Küstenseeschwalbe zu verewigen und beobachten lange, wie sie emsig ihrem piepsenden Nachwuchs Fisch für Fisch auf den Teller bringt. Der Nachwuchs zögert nicht, einen flauschigen und vielleicht noch nicht so ganz wasserdichten Flügel ins Wasser zu tauchen, um noch schneller an das begehrte Mal zu kommen.

Die Weiterfahrt nach Reykjavik wird unerwartet gemütlich, als wir uns mit Tempo 30 eine steile und kurvenreiche Passstraße hinauf- und wieder hinunterquälen dürfen. Um uns plötzlich wieder die vertraute trostlose Lavalandschaft, karge dunkle Kegel, vertrocknetes Moos und da! Dampf!

Ein weißes qualmendes Gebäude mitten in dieser Einöde und von diesem Gebäude aus folgt uns ein großes Wasserleitungsrohr die ganzen dreißig Kilometer den Berg hinunter nach Reykjavik hinein. Ganz schön unkompliziert, diese Isländer.

In der Stadt treffen wir wieder auf etwas, das wir fast vergessen hatten. Verkehr. Im Schneckentempo fahren wir in die Stadt hinein. Im Schneckentempo schlendern wir die Haupteinkaufsstraße hinauf und hinunter, werfen einen Blick auf Reykjaviks Denkmal, eine Kirche, die wie ein grauer Kormoran mit ausgebreiteten Flügeln den Schnabel in den Himmel reckt.

Wir trinken einen Kaffee in einer Designer-Bar, deren Toiletten sich hinter einer Spiegelwand verbergen und lassen keines der zahllosen Souvenir-Geschäfte außer Acht. Aber es zeichnet sich ab, dass die daheim Gebliebenen leer ausgehen werden. Da ist nix. Nichts, das einen Nicht-Islandreisenden beim besten Willen vom Hocker reißen könnte.

Das macht nichts. Wir haben viele Geschichten im Rucksack und noch mehr Bilder dazu. Wir haben zahllose Erinnerungen an eine außerordentliche Reise, die uns noch lange begleiten wird und unsere und hoffentlich auch Eure Welt bereichert hat.

Corona hat vielen von uns einen Strich durch die Ferienrechnung gemacht. Wir hoffen, dass wir Euch für einen Moment zum Träumen verführen konnten und danken Euch, dass Ihr uns auf dieser Gedankenreise begleitet habt.

Übrigens: Die echte Reise fand … im 2016 statt.

Eure Bebbin und Meenzer

2 Gedanken zu „Abschied

  1. Hallo miteinander,

    sehr cool, ich hab’s genossen, die Beiträge zu lesen. Und ob das nun semi-live oder schon vier Jahre her ist, spielt beim Alter der Geysire und der Geschwindigkeit mit der die Kontinentalplatten auseinander driften, keine Rolle. 🙂

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