Wanderlust

Wanderlust

Wir dachten nicht, dass Island so anstrengend sein würde. Wir dachten, wir würden einfach die Ringstraße abfahren, an den Sehenswürdigkeiten ein paar Schritte machen, vielleicht auch ein paar Schritte mehr, denn schließlich wacht Fitbit über unser Wohlergehen, wieder einsteigen und weiterfahren. Ganz nett und gemütlich. Aber weit gefehlt. Unsere tägliche Wanderung gib uns heute, scheint der Wahlspruch der Isländer – für die Touristen. Sie selber sind rund und freundlich und fahren in Autos, unter denen ein unachtsamer Fußgänger sich leicht retten könnte, wenn er sich nur ein bisschen duckt.

Heute ist Laki-Tag. Eine organisierte Ganztages-Tour zum berühmten Vulkan, der 1783/84 Island und halb Europa in Schutt oder immerhin Asche legte. 9 Monate dauerte der Ausbruch, aus etlichen Kratern, spuckte er Gas und Asche aus und ergoss seine Lava über 565 Km2 Land, begrub einige Farmen und streute seine Asche bis über Polen aus. Dahin wollen wir, zum Laki natürlich. Gemütlich, im 4 x 4-Bus, die Landschaft betrachten und endlich mal Ruhe vor dem Wandern.

Um neun geht’s los. Nach einem kurzen Abstecher zur Schlucht, die wir gestern Abend nicht mehr sehen wollten und nun – beinahe zwangsweise – doch noch zu Gesicht und unter die Füsse bekommen, rumpeln wir über Stock und Stein ins Hochland hinauf.

Dass Wanderwege befahrbar sein könnten, hätten wir nie gedacht … Wir schwanken und hopsen mit gerade 20 km/h zwischen Schafweiden, dann zwischen Geröll und Moos. Steile Kurven, blinde Kuppen, die alte Gotthardstrasse ist nichts daneben. Wir überqueren Bäche und Flüsse und stellen uns lieber nicht vor, wie es wäre, wenn ein richtiger Regen über das Land ziehen würde.

Wir sind froh, scheint die Sonne und ziehen Microsoft-Wölkchen über den Himmel. Die Landschaft weitet sich mehr und mehr, je höher wir klettern. Rechts und links in der Ferne Bergkuppen, gerade 400 Meter hoch, mit Schneeflecken übersät.

Vor uns mehr und mehr schwarzes Geröll, Gestein in allen Formen, abgerundete Erhebungen und immer weniger Moos. Eine unheimliche, urzeitliche Landschaft, die auf bessere Zeiten zu warten scheint. So könnte die Welt nach dem dritten Weltkrieg aussehen. Und doch: Selbst in der Asche blüht das Leben. Blümchen, weiß und rosa, kämpfen, aneinander gedrängt, gegen den Wind, den Regen an. Mit Erfolg.

Und als wir uns schon fragen, ob es den Laki denn überhaupt gibt: ein Parkplatz mitten in dieser Einöde. Wir werden aus dem Bus gejagt. Der Laki? Dieser Berg da, 300 Meter Höhenunterschied. Ganz einfach dem Pfad folgen, auf den Laki hoch und hinten rum wieder runter. 1 ½ Stunden. Diese „Mittagspause“ dauert zwei Stunden, bitte pünktlich sein. Wir stehen vor dem einzigen WC-Häuschen an und dann gibt es keine Ausrede mehr. Eine Viertelstunde schon verloren. 

Wie die Besteiger des Everest machen wir uns in einer langen Schlange an den Aufstieg, einer Schlange, die sich mit jedem Höhenmeter immer mehr ausdehnt. Schon sind die Erprobten über den ersten Sattel verschwunden, dann die nächsten, wir schnaufen und pusten und hoffen, dass unser letztes Stündchen nicht hier zwischen Vulkanen und Schnee schlagen wird. Ein Sattel folgt dem anderen, ein Gipfel ist nicht erkennbar und nur die gelb gestrichenen Pfosten geben uns noch halt. Die Russen hinter uns fallen zurück, wir sind alleine in dieser trostlosen Weite.

Gipfelblick

Da! Vorne leuchten bunte Jacken. Das sind unsere Mitfahrer und –wanderer. Ein Halt liegt nicht drin. Steif weht die Brise um unsere Ohren, nur Appenzeller könnten auf den Steinen sitzen und die Zeit drängt. Nur noch eine Stunde für den Abstieg. Der ist hart, steiler noch, voller Geröll und Sand. Eine herrliche Rutschpartie. Wir lieben es und verdanken es nur unserem guten Gleichgewichtssinn, dass wir den Abstieg ohne grössere Zwischenfälle erfolgreich beenden.

Zehn Minuten bleiben uns bis zur Abfahrt. Wir haben es und sind geschafft. Und können endlich mal unser mitgeschlepptes Mittagessen herunter schlingen.

Die Rückfahrt mit Halt an einem stillen Kratersee und am wunderschönen Fikra-Foss (oh Wunder, ein Wasserfall) dauert so lange wie die Hinfahrt: 2.5 Stunden. Wir zuckeln und rumpeln durch die Steine, die Flüsse und nur das Moos wird von uns verschont.

Als wir diese unwirtliche Welt verlassen, sind wir froh, dorthin zurückzukommen, wo das Leben üppig gedeiht. Wiesen, Schafe, Häuser. Wie zu Hause.

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