Fremde Sitten

Fremde Sitten

Die Bebbin war auf die japanischen Sitten sehr gespannt. Und irgendwie ist das tatsächlich eine sehr andere Welt. 

Von der U-Bahn haben wir ja schon ausführlich berichtet. Doch hättet ihr sehen sollen, wie schnell wir uns die japanische Disziplin angeeignet haben. Schlangen stehen neben den Türen der Bahn, z.B. Etwas, was man bei uns zuhause unbedingt einführen müsste. Kein Gedränge, auch nicht beim Aussteigen. Obwohl in Anbetracht des Menschenmassen ein Gefühl von Basler Fasnacht aufkommt. Und ihr werdet es kaum glauben, aber es bleibt niemand ungewollt auf dem Bahnsteig zurück. Auch nicht der Meenzer.

Dann unsere erste Erfahrung mit der japanischen WC-Kultur. Davon kann man bei uns nur träumen. So vorsintflutlich organisiert die Ticket-Kultur in Tokyos U-Bahn auch war – für jede der vier Linien eigene Ticket-Automaten mit eigenen Tickets und kein Tarifverbund für die 9 Millionen Tokioter in Sicht – so fortschrittlich sind  die WC-Anlagen im ganzen Land. Egal ob im Hotel oder auf der Raststätte. Natürlich musste die Bebbin alle Knöpfe ausprobieren. Das WC ist eine perfekt durchdachte Waschanlage: Kaum setzt man sich, geht es los. Zunächst wird das WC vorgereinigt, dann der Mensch. Ein Strahl für vorne, einen für hinten, und die Regulierung des Strahls nicht zu vergessen. Dannn könnte man in den öffentlichen WC auch noch einen Sound einstellen. Ein Bergbachplätschern hat eine sehr entspannende Wirkung.

Und wenn man fertig ist und die Spülung trotz Suchen nicht gefunden hat, geht diese ohnehin von alleine los. Der Gang zur Toilette wird dadurch zum echten Wohlfühl-Erlebnis.

Dann diese Automaten, die ständig mit einem sprechen, obwohl zum Beispiel im Family Mart dahinter ein echter Mensch steht., der unsere Einkäufe freundlich in eine Tüte packt und uns aufklärt, wo der Geldschein reingeschoben werden muss und sich amüsiert, wenn die Bebbin vor dem herauspurzelnden Wechselgeld zurückschreckt. Ein Krach wie bei der Murmelbahn aus Kindertagen.

Automaten sind in diesem Land sehr beliebt, so auch in Form von Getränkeautomaten. Wenn man noch wüsste, was für ein Getränk sich hinter den bunt beschrifteten Verpackungen versteckt. Der Meenzer hält sich daher an Cola Zero, denn das Wasser, o Graus, ist stets so still wie ein Japaner in der U-Bahn. Die Bebbin und die Freundin wagen sich hingegen an Tee aller Art. Der Grüntee, bitter wie ein leeres Bankkonto, der Reistee – ja, woraus man alles Tee machen kann – ebenso bitter, aber mit einem gewöhnungsbedürtigen Touch von braunem Reis. Wo sie den herhaben, bleibt der Bebbin verborgen, denn den Reis hat sie hier nur in sehr weisser, sehr klebriger Form kennengelernt.

Aber ehrlich gesagt, wenn man nur Stäbchen hat, dann ist der Klebereis ein Must.

Überhaupt, das Essen. Wer Reis mag und davon ganz viel, wie auch Fisch, am besten roh und Fleisch, der ist hier im siebten Himmel. Vegetarier aber … Das muss hier ein Fremdwort sein. Selbst ein gewöhnliches Pasta-Gericht kann mit einer leckeren Fischsauce verfeinert werden und schon hat man ein Problem.

Aber wir wollten von unserem Geisha-Abend erzählen. Wir waren sehr gespannt. Was das Essen betrifft – insbesondere ob sich eines der Gerichte als vegetarisch entpuppen würde – und auch in Bezug auf  die Geishas selbst.

Das Essen war … interessant. Nun, die Bebbin mochte es. Die beiden anderen weniger. Auf jeden Fall waren ihre acht Schälchen farbig, hübsch angerichtet und erinnerten die Bebbin an die orientalische Mezze, ausser dass die Anzahl der Gerichte überschaubar blieb. Auch der Inhalt. Algensalat, roher Fisch natürlich, sehr lecker, frittierter Fisch… Kurz: Fisch ohne Ende. Und wer schon mal versucht hat, ein sieben Zentimeter langes Stück Fisch mit Stäbchen in mundgerechte Stücke zu schneiden, ahnt schon: Es ist alles oder nichts – aufs Mal.

Und vielleicht hätte euch jener warme Pudding geschmeckt, der so harmlos nach Vanillepudding aussah, sich aber als … Fischpudding herausstellte. Ehrlich? Da musste selbst die Bebbin passen.

Der Höhepunkt des Abend war also nicht das Essen, sondern die Begegnung mit einer echten Geisha. Es kursieren viele Gerüchte über Geishas. Gesellschaftsdamen, Prostituierte, Künstlerinnen … 

Die Bebbin tippt, mangels gesicherter Erkenntnisse, eher auf Letzteres. Wer hat es schon erlebt, dass sich eine schwer geschminkte Dame in Kimono neben einen setzt und einem das höchst unelegante Bier mit einer feinen Geste einschenkt? Wer hatte die Möglichkeit, mit englischen Brocken auf dem Niveau A1 Konversation zu machen? Die Bebbin. Das mit der Sprachbarriere war schon weit mehr als ein einfacher Röstigraben. Es ging mehr Richtung Mariannengraben. Und leider hatte der Meenzer sein extra nach Japan mitgenommenes Übersetzungsgerät nicht dabei und die Bebbin vor lauter Aufregung keinen Gedanken an den schlauen Übersetzer in ihrem Handy verschwendet.

Wir haben viel gelächelt an diesem Abend und die Bebbin hat ihre wenigen Brocken Japanisch geübt wie noch nie. Wir haben herausgefunden, dass die Geisha in Kyoto ausgebildet wurde, der besten Geisha-Schule Japans, dass es eine Stunde dauert, bis der Kimono fachgerecht angezogen ist, das Gesicht geschminkt ist und die Frisur sitzt. 

Nach unserer intensiven Japanisch-Stunde durften wir uns auf unseren harten niedrigen Stühlen zurücklehnen, die lediglich bestrumpften Füsse unter den Tisch ausstrecken – die Schuhe waren im Vorraum geblieben – und den kunstvollen Tanz und Gesang der beiden Geishas geniessen. Wie mir die Geisha zu erklären versuchte, ging es um einen Sonnenuntergang und leider nicht um Liebe.

Nach der Darbietung, vielen Verbeugungen und noch mehr Lächeln sind wir aus dem Raum getappt, haben die Schuhe wieder angezogen und den 1.5-stündigen Rückweg durch Tokios Strassen und – o Wunder – U-Bahn-Labyrinth angetreten.

Das war ein ganz besonderer Abend. Und demnächst geht es wieder mal in den Tempel.

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