Eine Prise Charme

Eine Prise Charme

Liebe Leserin, lieber Leser

Die Bebbin hat zugegebenermassen etwas Mühe, sich vom stillen Charme Erfurts zu verabschieden. Wo hat man sonst einen solchen Blick aus dem Fenster seines Comfort-Zimmers?

 „Wir hätten zwei Nächte buchen sollen“, sagt der Meenzer bedauernd. Denn inzwischen hat er an der Geschichte Erfurts Gefallen gefunden. Die Meenzer waren nämlich seit dem 10. Jahrhundert da gewesen. Bis Napoleon der Herrschaft des Mainzer Erzbischofs ein – vorübergehendes – Ende bereitete. Das richtige Ende kennen wir aus den Schulbüchern: Die Völkerschlacht von Leipzig brachte mit den Preussen Zucht und Ordnung, was die Meenzer mit ihrem beinahe Basler Savoir-vivre noch nicht so recht hinbekommen hatten.

Die Reise geht also weiter zu unserer wahren Destination. Der Charme der sächsischen Landeshauptstadt hält sich hinter noblen Fassaden vornehm zurück. Symmetrie, klare Formen, wo bleibt der barocke Prunk?

 Doch die Bebbin hat ein anderes Problem. Durch die Strassen und über die Plätze napoleonischen Ausmasses pfeift ein sibirischer Wind. Gefühlte minus zehn Grad. Auch der Regenschirm hält den Böen nicht stand. Die Bebbin schlottert und macht einen unerhörten Vorschlag. „Um 12 Uhr findet in der Frauenkirche eine Andacht mit Orgelmusik statt. Da gehen wir hin.“

Der Meenzer traut seinen Ohren nicht. Aber da sagt er nicht nein. Denn in der Frauenkirche ist es trocken. Warm. Und man kann kostenlos sitzen. Doch nicht nur das. Während die 4800 Pfeifen – von einem Zentimeter bis zu fünf Metern gross – den kreisrunden Raum mit herrlicher Musik erfüllt, schweift das Auge über die weiblich anmutende Architektur. Geschwungene Emporen, Helligkeit, Leichtigkeit bis hinauf zu den pummeligen Kindchen hoch über einem vor Gold strotzenden Altar. Bebbin und Meenzer sind hin und weg. Und wer die Reise in den eisigen Norden wagt, der darf dieses Refugium nicht verpassen.

Da es nach der Andacht und einem weniger geistlich angehauchten sehr sächsischen Mittagessen immer noch eistruhenkalt ist, buchen wir spontan eine kleine Fahrt mit dem Dampfschiff. Gemütlich zotteln wir an Wiesen vorbei, unter alten und neuen Brücken und lassen altehrwürdige Schlösser an uns vorbeiziehen. 

Die Bebbin erinnert sich kurz an eine längst vergangene Reise – die Wolgafahrt.

Auch die Elbe hat Charme.

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