Paradies in Sicht
Das Paradies ist ein weiter und vermutlich auch wandelbarer Begriff. Für die Bebbin wäre es momentan ein Tag ohne Schreine, ohne Tempel und mit einer grossen Tafel Matcha-Schokolade. Dazu mal etwas anderes als Grüntee.
Doch das muss man sich eben auch erarbeiten, oder diesmal erwandern. Es geht also gute 1.6 Kilometer einen ziemlich nassen Waldweg hinauf. Es duftet seltsam, irgendwie nach Sandelholz. Dann kommt die Erleuchtung: Wir gehen durch einen Zedernwald. Und unser Ziel ist ein besonderes: eine heisse Quelle. In diseser Quelle sollen Affen baden.
Doch schon auf dem Parkplatz raubt ein Plakat den Touristen die Hoffnung. Die Affen sind noch nicht den Berg hinuntergekommen. Vermutlich haben sie erst nächsten Monat Badetag. Es ist nämlich warm und feucht und an ihrer Stelle hätte die Bebbin auch lieber eine kühlende Dusche oder einen japanischen Eistee.

Wenn es also keine Affen gibt, dann vielleicht Bären? Das ist kein Witz. Denn es gibt hier anscheinend eine Bärenplage. Sie kommen die Berge herunter und stöbern in den nicht vorhandenen Vorgärten nach Sushi und anderen Delikatessen. Und dies, obwohl in diesem Land rein gar nichts Verwertbares auf den Strassen herumliegt, weil jeder seinen Abfall nach Hause oder ins Hotel mitnimmt. Aber auch bei Bären gilt offenbar: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Und so erreichen wir das Affen-Onsen. Ohne Affen und zur Erleichterung der Bebbin auch ohne Bären. Denen wird das Wasser zu heiss sein. Und das Planschbecken zu klein, auch wenn der Blick auf den unten dahinplätschernden Bergbach ganz nett ist. Was eindeutig fehlt, ist noch die Poolbar.

Nachdem alle ihre Fotos geschossen haben, geht es zurück zum Weldweg. Aber halt: Wir sind zwar nicht auf island, aber da ist noch was. Einige von uns wagen sich heran und werden ganz schön nass gesprüht. Da schiesst ein Strahl aus dem Boden, als hätte jemand vergessen, das Waser des Gartenschlauchs abzudrehen. Und das Gute an diesem falschen Geysir ist, man muss keine zehn Minuten warten.

Abgesehen von diesem Möchtegern-Geysir und der unterschiedlichen Architektur, kommt man sich hier fast vor wie in den heimischen Bergen. Ein Bach, Berghänge, Häuschen, die sich an den Hang schmiegen. Ob der Klimawandel sich bis nach Japan gewagt habe, will einer von uns wissen. Aber es sieht aus, dass sich in Japan mehr die Gesellschaft als das Klima wandelt.

Und dann wird unsere Mühe doch belohnt. Da sitzt der Makake auf dem Dach des Souvenirladens und blickt gelangweilt auf die Eindrilingen hinunter. So flauschig und sauber, wie der aussieht, ist bei ihm noch lange nicht Badetag.

Die Affen haben also ihr Paradies gefunden. Wir sind noch auf der Suche. Dazu gibt es in diesem Land nur Eines: den Besuch eines Tempels. Denn dort ist das Paradies zum Greifen nah.
Wir bewundern das riesige Dach, die riesige Halle und einen Buddha, der vor Gold nur so strotzt – aber leider ist Fotoverbot. Dafür knipst die Bebbin noch einen hoch aufgehängten Gong.


Und genau in diesem Tempel befindet sich im Untergrund der direkte Weg ins Paradies. Wir ziehen die Schuhe aus. Noch nie hat die Bebbin bereut, solide, wasserdichte, aber bedauerlicherweise mit Schnürsenkeln versehene Schuhe zu tragen. In diesem Land ein grosser Fehler.
Wir tappen vorsichtig ein paar Stufen hinuntern und völlige Dunkelheit umhüllt uns. Rechts von uns eine Wand, der wir mit der Hand folgen. Sie mäandert und wir mit ihr. Die Bebbin verliert die Orientierung. Hin und wieder gibt es Stau, stösst jemand in den Vordermann, die Vorderfrau hinein. Totales Geisterbahnfeeling. Und die Bebbin hasst Geisterbahnen. Und enge dunkle Räume. Irgendwo in dieser Wand befindet sich die Tür zum Paradies und wer sie findet und öffnen kann, ist erlöst. Aber wo ist denn diese Tür?
Das Problem ist. Niemand von uns will die Tür finden. Denn unsere Japan-Reise ist noch nicht zu Ende. Auch unsere Lebensreise nicht, sind wir uns eing. Es wäre also viel zu verfrüht, bereits jettz ins Paradies zu übersiedeln.
Das haben die Götter offenbar auch so gesehen, denn endlich dürfen wieder das Tageslicht erblicken, stickige Weihrauchluft einatmen und unsere Schuhe wiedersehen.
Ihr werdet verstehen, dass wir euch noch kein aktuelles Bild vom Paradies liefern können. Aber was wir für euch haben ist diesen sehr irdisch anmutenden Glücksgott, der für genug Sushi, Matcha-Tee und Lebensfreude sorgt, wenn man seinen Bauch streichelt Das erscheint uns im Moment besser als ein wenig konretes Paradies, in welchem es vielleicht nicht genügend Onsen für alle gibt.
