Ein Moment der Besinnung

Ein Moment der Besinnung

Nach der Hektik der Millionenstadt fahren wir über waghalsige Konstruktionen nach Süden.

Unser Reiseplan, der weit durchgetakteter ist als der Arbeitstag der Bebbin es je sein könnte, gönnt uns endlich einen Moment der Besinnung. Natürlich nicht ganz ohne Treppensteigen. Und zum gefühlten hundertsten Mal dürfen wir auch wieder unsere Schuhe ausziehen. Aber ehrlich? So unangenehm ist es gar nicht, in Socken auf den weichen Tatami-Matten oder auf den alten Holzböden zu laufen. Übrigens: Die Grösse eines Zimmers wird nicht in Quadratmetern, sondern in Anzahl Tatami-Matten angegeben, wobei eine Matte 90 x 180 cm beträgt. Die Bebbin will noch genauer nachrechnen, wie viele Matten sie für ihr Wohnzimmer bestellen sollte. Denn diese Tatami haben viel mehr Stil und sind wärmer, als das heimische Parkett.

Im Tempel lassen wir die Gebetsmühlen rasseln. Warum sie einen solchen Krach machen müssen, wissen die Götter. Vermutlich, damit man sie auf sich aufmerksam machen soll? Aber, ob dieser Lärm es bis in den Himmel schafft, wagt sie zu bezweifeln. Das wäre vermutlich noch genauer zu erforschen.

Wir spazieren durch den perfekt angelegten Garten, in welchem dicke Koi ein träges, ja beinahe buddhistisches Leben führen.

Und da wir neuerdings Weltmeister im Treppensteigen sind – oder nah dran – , nehmen wir gleich noch ein paar andere Stufen auf uns, um die Aussicht über eine Bucht zu bewundern, von der unser Reiseleiter so schwärmt. Die Bucht ist schön, ohne Zweifel, aber die Costa Brava oder wahlweise die Coppacabana können es mit diesem kilometerlangen Strand durchaus aufnehmen. Übrigens geht da kein Japaner baden. Das Wasser des Japanischen Meers ist mit seinen 25°C. nämlich beinahe arktisch im Vergleich zum Onsen, dem traditionellen japanischen Bad, mit seinen wohligen 35°C. 

Die Bebbin und ihre beiden Begleiter haben den Besuch des Onsen, von dem der Reiseleiter ebenfalls besonders schwärmt, auf ihr nächstes Leben verschoben. Denn zum einen ist das Bad nach Geschlechtern getrennt und darf man zum anderen nur im Adams- bzw. Eva-Kostum ins Wasser, und wir haben unsere Feigenblätter zuhause vergessen.

Nach diesem schweisstreibenden Abstecher kehren wir zur Tempelanlage zurück, wo uns ein ganz besonderes Denkmal erwartet. Es ist den verstorbenen Kindern gewidmet, ob lebend geboren oder nicht, und den Kindern, die vor ihren Eltern gestorben sind Diese heissen Mizuko: Wasserkinder. Gemäss einer alten Überzeugung können sie den Fluss zum Jenseits nicht selbstständig überqueren und brauchen dazu Hilfe.

Diese Hilfe erhalten sie vom Schutzpatron Jizo, der sie in seinen weiten Ärmeln verbirgt und so über den Fluss trägt. Jizo muss immer feucht gehalten werden. So giessen auch wir eine Kelle frisches Wasser über seinen Kopf, auf dass er noch vielen Kindern über den Fluss helfen kann.

Bevor wir diesen Ort der Besinnung verlassen, entdecken wir einen, der hoch über den Sorgen der Menschen steht und uns in die Freuden des Diesseits zurückholt.

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