Wie echt darf es sein? Ein letzter Rundblick
Liebe Leserin, lieber Leser
Wie die Zeit doch rast. Diese Tage waren prall gefüllt mit Rotkraut, Wurst und Kartoffelpuffern, geschickt überbrückt von winzigen Lädelchen, schwarzem Bier, Orgelmusik und pummeligen Engelchen. Kurz: Diese Reise neigt sich dem Ende zu. Schenken wir dieser besonderen Stadt einen letzten Rundblick.
Seit Tagen schleppen wir uns durch windgefegte Strassen, strotzen Regen und eisigen Heiligen, nur um euch live die barocke Schönheit Dresdens zu präsentieren. Und dann kommt die totale Ernüchterung:
Es ist alles nur fake. Oder fast. Das kurfürstliche Schloss zum Beispiel.

Diese Formen, die Malereien. Es ist nicht zu fassen. Denn alles ist nur 30 Jahre alt. Halb Dresden ist jünger als die Bebbin. Schuld daran sind Zeiten, die wir nicht wieder sehen wollen. In Dresden war das der 13. Februar 1945.
Doch kehren wir zu diesem Wunder zurück. Mit viel Recherche in alten Archiven, eins sogar in Zürich, schafften es Tausende von Handwerkern, Künstlern aller Richtungen, historische Gebäude aus den Ruinen hervorzuzaubern und den alten Glanz wieder herzustellen. Aus Beton, neu verwertetem Sandstein, das Ganze sorgfältig neu bemalt. Wie echt. Oder irgendwie doch echt.

Oder aus Beton und mit echtem Sandstein verkleidet. Wie hier beim Eingangsbereich des Zwingers, wo statt einer Meute von Hunden eine Horde Touristen ausschwärmt. Ach, stimmt. Zwinger hat nichts mit Hunden zu tun, sondern es bezeichnet einen Festungsbau zwischen zwei Mauern, um potenzielle Angreifer zu bezwingen. Das klappte sicher gut, bevor die Touristen kamen.

Gut, das mit dem Glanz stellte sich die Bebbin etwas anders vor. Wie hier unten vielleicht? Übrigens nicht die Krone Sachsens, sondern jene Polens. Warum die Nachbarn sie nicht längst nach Hause geholt haben, ist uns nicht ganz klar, aber vielleicht ist auch die nur aus Gips?
Sachsen war einst ein mächtiges Kurfürstentum, besonders unter August dem Starken, der scheinbar gut 300 Kinder gezeugt haben soll. Aber nicht er ist Schuld am Niedergang des Fürstentums, sondern einer seiner Nachkommen, Friedrich der Sanftmütige. Der war so konfliktscheu, dass er sein Land unter seinen zwei Söhnen aufteilte und dadurch Thüringen erschuf. Dort, wo ja ein möglicher Alterswohnsitz der Bebbin liegt.
Doch zurück zu den Herrschern Dresdens. Diese wurden auf 23’000 Meissner Fliesen verewigt und blicken noch heute – in echt – auf uns gewöhnliche Touristen hinunter.

Wie uns der Nachtwächter auf unserer nächtlichen Tour erzählte: Schon damals sprach man in Dresden nicht sächsisch und auch nicht Französisch. Nein, ein echter Dresdner spricht Meissner Kanzleideutsch. Und wenn er „Nuuuu“ sagt, dann überlegt er nicht ein Antwort auf eine Bebbi-Frage; nein, dann sagt er einfach nur „Ja“.
Doch zurück zur Frage, was hier echt ist. Nun, das Konzert, das wir absolut live im äusserst eng bestuhlten Pavillon des Zwingers hören dürfen. Nordische Komponisten und ganz besonders Griegs Peer Gynt. Ein sehr echter Genuss für die Ohren.

Noch was sehr Echtes haben wir für euch. Die alten Meister.
Nein, es geht nicht um Doppelaxtwerfen oder um literarische Vorbilder. Es geht um die Kunstsammlung Dresdens. Ehrlich gesagt: Die Bebbin hat eher eine Vorliebe für moderne Malerei und der Meenzer für Impressionismus. Und wir sagen euch: So wie es ständig piepst und tönt; wie in allen Räumen mindestes ein grimmig dreinblickender Mensch steht: Die Bilder sind echt. Die Sixtinische Madonna von Raphael kennt ihr sicher.

Aber der Bebbin ist dieses speziell aufgefallen. Ein Auschnitt aus einem Bild von Canaletto. Auch damals standen die Kirchtürme ausgerechnet dann im Gerüst, wenn man sie verewigen wollte.

Einen letzten Augenschein wollen wir euch nicht vorenthalten. Die Bebbin ist für euch über ihren Sparschatten gesprungen und hat sich eine Fotolizenz geholt. Für die Semperoper.

HIer könntet ihr in der Pause lustwandeln – wenn ihr ein Ticket ergattert habt. Zwischen 50 und 400 Euro seid ihr dabei. Für den Opernball hingegen, müsstet ihr gut und gerne eine oder gar zwei Pauschalreisen nach Mallorca opfern. Die neuen Schuhe und das Ballkleid nicht einberechnet…

Die Bebbin wird nostalgisch. In ihrem Kleiderschrank hängt noch ein Ballkleid, das sich hier sehen lassen könnte. Denn eins ist klar. Hier kommt wohl keiner mit Jeans rein. Ausser für die Führung.
Wir überlegen es uns noch. Basel hat auch ein sehr nettes Theater und Opernhaus, das jedem offensteht. Auch mit Jeans.
Trotz des nicht so frühlingshaften Wetters hat uns Dresden gut gefallen. Der Charme dieser Stadt liegt nach Meinung der Bebbin nicht so sehr in seiner sehr ursprünglichen Küche – was der Meenzer klar anders sieht – als vielmehr in der Leidenschaft und Mühe seiner Einwohner, Dresden wieder in seiner alten Pracht auferstehen zu lassen, ganz wie ein Phönix aus der Asche. Sie schaffen das. Und damit verabschieden wir uns wieder von euch, liebe Leserin, lieber Leser und hoffen, ihr hattet Freude daran, uns auf dieser kurzen Reise zu begleiten.


2 Kommentare zu „Wie echt darf es sein? Ein letzter Rundblick“
Sehr beeindruckender und schöner Kurztrip.
Ich wünsche Euch beiden schon jetzt eine gute Heimreise.
Das Bild der Semperoper von innen hat sehr alte Erinnerungen hervorgeholt…ich vergass zu fragen, ob der Dresdner Stollen 24/7 und 365 Tage im Jahr den Touristen zur Verfügung steht🧐? Kommt gut nach Hause um uns ja auch bald wieder auf eurer nächsten Reise mitzunehmen☺️❤️